02.08.2013

Wo ist der akademische Stolz geblieben?

In Zeiten überfüllter Universitäten durch doppelte Abiturjahrgänge, den Abfall von Wehr- und Zivildienst und dem Volksglaube, jeder bräuchte ein Studium, da unserem Land die Akademiker fehlen, fragt man sich: Macht ein Studium einen zum Akademiker?

Schon Friedrich Georg Jünger beklagt in seinem „Erinnerungsbuch“ Grüne Zweige, die Studenten enttäuschen ihn, zerstören das Ideal, dass er von den Besuchern eine Akademie habe. Diese Kritik an der Situation zur Zeit der Weimarer Republik ist heute umso schärfer zu formulieren, da wir uns der kritischen Masse des Ertragbaren annähern. Alle wollen studieren. Nein, alle wollen einen Wisch mit einem akademischen Titel in der Tasche haben, studieren will heuer kaum einer mehr. Man schreibt sich ein für Betriebswirtschaftslehre und Mediendesign, oder, wenn man einfach keine Idee hat, Philosophie. Die Folgen sind von Desinteressierten überfüllte Hörsäle, lästige Grundsatzfragen und Studenten, die statt an Wissenserwerb von klein auf an Karriere denke, gestützt von einem System, dass genau diese Haltung auch noch fördert.
Es ist nicht nur der Ausdifferenzierung der Wissenschaften und ihrer jeweiligen Detailfülle und auch nicht den modularisieren Studiengängen, die einem kaum Wahl lassen, allein zu verdanken, dass unsere Zeit keine Universalgelehrten und -genies mehr hervorbringt, sondern auch der Haltung der Studenten selbst: jene Lustlosigkeit, sich einen Überblick zu verschaffen über die Disziplinen, unabhängig von der eigenen. Das ist es, was den Akademiker vom Absolventen einer Hochschule unterscheidet. Was hält den Physiker davon ab Foucault, was den Germanisten Darwin, was den Juristen Jung zu lesen? Ab und an das passende Bibelwort, Goethe- oder Hessezitat hat heuer kaum einer mehr. Schlicht: Grundlegende kulturelle Allgemeinbildung hat sich rar gemacht. Selbst die alteingesessenen Studentenverbindungen, die nach wie vor ihr konservatives Fähnchen in den Wind halten, haben die Balance zwischen Kneipen und akademischen Diskussionen verloren.

Die Ökonomisierung des Studiums auf allen Ebenen ökonomisiert die Studenten und ihr Denken, so dass für die Karriere Wissen und Bildung auf der Strecke bleiben. Das Phänomen hat einen Namen: Es ist der Verlust des akademischen Stolzes. Jener Einstellung, dass man im Zustand des Studierens lebt; nicht der Job, den man einmal haben wird, zählt, sondern das Gespräch unter Freunden und Kommilitonen über die Lektüre des Vortages. Weiter als bis zum nächsten Flohmarkt, auf dem man wieder neue Bücher und Platten abstauben kann, muss man vorerst nicht an die Zukunft denken. Wenn das Land so an Akademikern mangelt, dann soll es Bücherpakete und Freikarten für Museen und Konzerte vergeben, keine Karrierecoachings.

Bleibt die Frage: Wo ist der akademische Stolz geblieben? Man kann seinen Verlust „der Regierung“ in die Schuhe schieben, ihre Gründe sollten nachvollziehbar sein. Wer Ideologisch argumentiert mag vielleicht die 68er und ihre Erben anklagen, doch diese sind immerhin politisch gebildet und ihr revolutionärer kulturwissenschaftlicher Ansatz kann als letzter Versuch gelten, das Wahrnehmungsspektrum auszudehen. Nicht zu verleugnen ist der Zusammenhang mit der Auflösung des Bildungsbürgertums in das Bürgertum, die Radikalisierung mit der mobilen Digitalisierung. Doch wie passt das mit dem zusammen, was Jünger bereits in den 20er Jahren beobachtet? Vielleicht liefert er selbst die Antwort, weiß es nur nicht, in seinem Buch Die Perfektion der Technik.
Es bleibt nur zu sagen, dass mehr Studenten noch keine Akademiker machen, ungeachtet dessen, wie inflationär und euphemistisch das Wort gebraucht wird.